Projekt Wanderherde 2016/2017

Von Schnee, Eis und glücklichen Schafen

Hirte Michael Cadenazzi über seine Begeisterung für die Winterzeit und darüber, warum Schafe am liebsten bei Bodenfrost und Schnee durch die Schweiz wandern. Zu Besuch bei einem Wanderhirten und seinen 500 Schafen.

Lange mussten wir in diesem Winter auf den Schnee warten. Es gab weder weisse Weihnachten noch Schneeballschlachten im heimischen Garten. Was zahlreiche Autofahrer sicherlich gefreut haben dürfte, wurde für Michael Cadenazzi zum Problem.

«Ich habe alles, was ich brauche. Ein Bett, eine kleine Heizung, etwas zu lesen und draussen stets die Tiere.»
Michael Cadenazzi

Der Micarna-Wanderhirte zieht seit November 2016 mit seinen Schafen durch das luzernische Mittelland. Und wer meint, dass gerade er, der während vier Monaten tagtäglich draussen ist, seine Nächte in einem kleinen Minibus verbringt und sich stets auf Wanderschaft befindet, den warmen Winterbeginn begrüssen würde, der irrt.

«Es gibt nichts Schlimmeres als einen warmen Winter und aufgetauten Boden», erklärt der 46-Jährige. «Das mögen weder die Schafe noch die Landwirte, auf deren Wiesen wir weiden.» Der Grund ist banal: Ist die Wiese nass, nimmt sie durch die wandernden Schafe mehr Schaden. «Zudem sind die Schafe heikel. Sie mögen es gar nicht, wenn die Wiese und damit auch ihr Futter dreckig ist.»

Wintereinbruch als Freudentag

Als erfahrener Hirte weiss Michael Cadenazzi aber auch, dass man Geduld braucht. «Das Wetter kann ich nicht ändern. Solange es zu warm ist, müssen wir zügig weiter, um den Boden zu schonen. Der Winter kommt bestimmt.» Er sollte recht behalten. Der Winter kam, und mit ihm kamen auch Schnee und Bodenfrost.

Zu Beginn des neuen Jahres wurde es bei uns bitterkalt. Und während der Schneeeinbruch viel Chaos auf den Schweizer Strassen verursachte und die kühlen Temperaturen zu zahlreichen Erkältungsausbrüchen führten, waren Michael Cadenazzi und seine Tiere glücklich. «Wunderschön; herrlich diese Verhältnisse», sagt der dreifache Familienvater, als er uns bei unserem Besuch in Emmenbrücke begrüsst. «Die Schafe lieben den Schnee und den gefrorenen Boden, und mir machen diese Bedingungen meine Arbeit etwas leichter.»

Lieber Schnee als Regen

Wobei «leichter» schon fast etwas ironisch klingt, wenn man selbst, dick eingepackt in modernste Winterkleider und heissen Kaffee schlürfend, vor der kalten Winterbise Schutz sucht. Auf Michael Cadenazzi wirken wir vermutlich wie Flachlandtouristen, die bei der ersten Schneeflocke Panik schieben – dabei lieben wir diese winterlichen Verhältnisse fast so sehr wie seine Tiere.

«Die Schafe lieben den Schnee und den gefrorenen Boden, und mir machen diese Bedingungen meine Arbeit etwas leichter.»
Michael Cadenazzi

Aber der Respekt ist gross. Der Respekt vor einem Mann, der von November bis März unter einfachsten Verhältnissen durchs Land wandert, in einem Minibus übernachtet und sich mit Aufgusskaffee und Kirsch warm hält. «An Einfachheit und Kälte gewöhnt man sich. Viel mühsamer ist es, wenn es dauernd regnet. Dann werden auch die Tiere unruhig.» Und so einsam, wie man sich das Wanderleben vorstelle, sei es gar nicht. «Ich bekomme fast täglich Besuch von Landwirten oder Freunden und werde bestens umsorgt.»

Geschätzte Einsamkeit

Gäste hat Michael Cadenazzi auch während unseres Besuchs. Peter Bühlmann, ein Landwirt, und das Ehepaar Pius und Hedi Huwiler stossen zur Mittagszeit zu uns. Nicht ganz zufällig: Seit zwei Jahren versorgen Huwilers Michael Cadenazzi fast täglich mit feinen und vor allem warmen Mahlzeiten. Egal, wo er gerade ist. Egal, ob es regnet oder schneit.

«Wir kommen gerne zu Besuch. Es ist schön, gemeinsam zu essen und über die Landwirtschaft und die Schweiz zu philosophieren», sagt Hedi Huwiler. Für Michael Cadenazzi sind diese Besuche eine angenehme Abwechslung zu seinem sonst eher einsamen Alltag. Eine Einsamkeit, die der Hirte aber durchaus schätzt: «Die Zeit alleine hilft einem, die gemeinsame Zeit zu schätzen – aber es muss einem wohl auch liegen.»

Der Papa wird vermisst

Michael Cadenazzi weiss, wovon er spricht. Seit über 20 Jahren verbringt er die Sommerzeit auf der Alp, die Wintermonate auf Wanderschaft durch das Mittelland. Eine Arbeit, die mit vielen Entbehrungen und Abschieden verbunden ist; gerade für seine Familie. «Bei Geburtstagen der Kleinen zu Hause zu sein oder mit der Frau einen schönen Abend zu verbringen, das vermisst man schon», betont der Familienvater.

Als gewissenhafter Hirte ist er konsequent bei seinen Tieren, es gibt weder Wochenenden noch Ferien. Eine einzige Ausnahme gibt es: «An Heiligabend habe ich jemanden, der auf meine Schafe achtgibt, dann verbringe ich ein paar Stunden zu Hause.» Der Kurzbesuch zu Hause im Hospental am Gotthardpass ist oft der einzige kurze Moment mit ihrem Papa für die drei Schulkinder Mena, Mauro und Nando. Und für Ehefrau Bea, die sich während dieser Zeit zu Hause um den Stall kümmert und alleine die Tiere versorgt.

Die Hunde als Begleiter

Für Michael Cadenazzi werden zu dieser Zeit andere Lebewesen zu wichtigen Begleitern. Allen voran seine Hunde. «Man hat eine ganz besondere Beziehung zu den Hunden. Ich muss mich auf sie verlassen können.» Die Beziehung zwischen Hund und Hirte ist faszinierend. Sie brauchen kaum Anweisungen, geschweige denn laute Worte. Ein Handzeichen oder ein Kopfnicken genügt, und die Hunde wissen, was von ihnen verlangt wird. «Das ist jahrelanges Training», betont Michael Cadenazzi. «Ein guter Hirtenhund weiss, was zu tun ist. Er wartet nur ab, bis ich ihm die Erlaubnis gebe, es zu tun.»

Grundsätzlich lieben die Tiere das Arbeiten. Manchmal hat diese Motivation jedoch auch ihre Schattenseiten. Wenn sie völlig auf ihre Arbeit mit den Schafen fokussiert sind, kann es zu brenzligen Situationen kommen, gerade in Strassennähe leben die Hirtenhunde gefährlich. «Ihr Fokus gilt dann einzig den Schafen und mir, und sie vergessen, dass gleich hinter ihnen die Schnellstrasse oder eine Bahnstrecke durchgeht.» Auch Michael Cadenazzi musste wegen solcher Unfälle schon von Hirtenhunden Abschied nehmen.

Ein Zuhause auf vier Rädern

Es sind traurige Momente, die aber Teil des Hirtenlebens sind. «Man verbringt viel Zeit mit diesen Tieren. Die Hunde werden zu meinen wichtigsten Begleitern. Solche Unfälle tun weh. Glücklicherweise geschieht das nicht allzu oft.» Ausser von seinen Hunden wird der erfahrene Hirte auch von zwei Eseln begleitet. «Sie helfen mir beim Tragen zahlreicher Sachen wie beispielsweise der Zaunutensilien für die Nacht», erklärt der 46-Jährige. «Früher mussten sie noch viel mehr tragen: mein Zelt, mein Essen oder auch die Nahrung für die Hunde.»

«Das erste gemeinsame Abendessen mit meiner Frau und den Kindern – darauf freue ich mich am meisten.»
Michael Cadenazzi

Die Zeiten in Zelten sind vorbei; heute verbringt der Hirte seine Nächte in einem kleinen Minibus. Was für einige nach Rock-’n’-Roll-Romantik klingen mag, ist vier Monate lang das Zuhause auf Rädern von Michael Cadenazzi. Auch bei Regen, Schnee oder eisigem Wind. «Ich habe alles, was ich brauche. Ein Bett, eine kleine Heizung, etwas zu lesen und draussen stets die Tiere.»

Und auch an diesen kalten Tagen verzichtet der Hirte darauf, seine Heizung nachts laufen zu lassen. «Das ist nicht nötig. Ich heize meinen kleinen Bus auf, bevor ich ins Bett gehe. Wenn ich dann am Morgen aufstehe, ist es im Bus zwar nicht mehr wärmer als draussen, aber trocken.»

Bewunderung und Respekt

Es ist eine Mischung aus Bewunderung und Staunen, die uns an diesem Tag auf Wanderschaft mit Michael Cadenazzi und seinen Schafen begleitet. Eine Reise zwischen Hirtenromantik und Landwirtschaftsalltag. Was am meisten beeindruckt: die Gelassenheit und Zuversicht, die Michael Cadenazzi ausstrahlt.

Der gelernte Schreiner nimmt jeden Tag, wie er kommt, wandert mit 500 Schafen durch das Mittelland, immer auf der Suche nach frischem Gras für seine Tiere. Er freut sich über Besuche von befreundeten Landwirten und auf das Wiedersehen mit seiner Familie. «Das erste gemeinsame Abendessen mit meiner Frau und den Kindern – darauf freue ich mich am meisten. Danach werden die Schafe geschoren, und im Stall warten meist auch noch Aufgaben auf mich.»

Und spätestens im Sommer geht es weiter, denn dann zieht es Michael Cadenazzi mit seinen Schafen hoch auf die Alp. Das ist dann aber Stoff für eine andere Geschichte…