Projekt Wanderherde 2016/2017

Schafe und Hirte statt Mathe und Deutsch

Abenteuer auf der Weide
Abenteuer auf der Weide

Die erste Klasse der Oberstufenschule Wauwil besucht im Rahmen des Wanderherdeprojekts der Micarna einen Hirten und seine Schafe. Am Erlebnistag gibt der erfahrene Hirte Michael Cadenazzi Auskunft und teilt Eindrücke aus seinem Leben auf Wanderschaft mit über 600 Schafen.

«Kennen Sie alle Schafe persönlich?» «Wo schlafen Sie?» «Haben Sie Angst vor dem Wolf?» Ausgerüstet mit Interviewfragen, Zeichnungsunterlagen und verschiedenen Wärmeutensilien stehen die Buben und Mädchen der Oberstufenschule Wauwil vor Michael Cadenazzi.

Seit über zwanzig Jahren ist der gelernte Schreiner als Wanderhirte in der Schweiz unterwegs und zum zweiten Mal nimmt er Teil am Wanderherdeprojekt der Micarna. Dieses Jahr ist auch die erste Oberstufenklasse von Annette Fleischlin mit auf Wanderschaft. «Ein tolles, abwechslungsreiches und einzigartiges Projekt für uns alle», sagt die Klassenlehrerin.

Ein Projekt über mehrere Schulfächer verteilt

Während den letzten Monaten haben sich die Schüler intensiv mit den Themen Schafe und Hirtenleben auseinandergesetzt. Für den Geschichtsunterricht mussten sie eine Präsentation vorbereiten, in den Deutschstunden die perfekten Interviewfragen definieren und im Werk- und Handarbeitsunterricht wurden Bastelideen im Schafsdesign kreiert.

«Das Projekt Wanderherde ist gerade wegen der Vielschichtigkeit ein tolles Projekt; für Schüler und Lehrer», betont Annette Fleischlin. Von Beginn an waren mehrere Lehrpersonen der Oberstufenschule Wauwil mit an Bord, haben mit den Jugendlichen spezifische Projekte in ihren Schulplan eingearbeitet und ihnen die Möglichkeit gegeben, dieses Stück Tradition auf eigene Faust zu erkunden.

Interview mit dem Hirten
Interview mit dem Hirten

Unterstützt von Hund und Esel

«Ich habe auch drei Kinder. Mein ältester Sohn ist in eurem Alter», sagt Michael Cadenazzi im Gespräch mit den Schülern. Diese reagieren überrascht; vermissen die ihren Vater denn nicht? Schliesslich ist Cadenazzi als Wanderhirte zwischen November und März mit seinen drei Hunden, zwei Eseln und über 600 Schafen unterwegs; seine Frau und die Kinder sieht er kaum. «Einzige Ausnahme ist Heiligabend. Da schaue ich, dass ich für ein paar Stunden nach Hause kann.» Mehr läge nicht drin, schliesslich müsse er an die Tiere denken: 600 Schafe wandern mit dem erfahrenen Hirten durch die Innerschweiz.

«Der Hirte weiss immer wo die Tiere sind und wenn er pfeift, dann kommen alle.»
Samira Siegrist (13)

«Das sind aber nicht alles seine eigenen», weiss die 14-jährige Nicole Bättig. «Er hat auch Schafe von anderen Bauern, die ihm die Tiere über den Winter anvertrauen.» Und auch ein Hirte hat ein Lieblingsschaf: Erwin. «Es folgt ihm auf Schritt und Tritt und man kann es gut streicheln», erklärt Marisa Roos. Die 12-Jährige hat keine Angst vor Erwin, krault ihn am Kopf und betont, dass ein Hirte trotz Lieblingsschaf aber immer alle Tiere im Blick haben muss.

Michael Cadenazzi und seine Hirtenhunde
Michael Cadenazzi und seine Hirtenhunde

Folgen auf Kommando

Keine einfache Aufgabe weiss Ivan Gisler. Der 12 Jährige ist von der Übersicht und Kontrolle des Hirten beeindruckt: «Ich könnte das nicht. Ich wäre total überfordert.» Die Tatsache, dass nicht alle Schafe immer am gleichen Ort stehen bleiben, sondern sich manchmal in den Wald zurückziehen, Michael Cadenazzi aber dennoch immer alle Tiere im Blick hat, fasziniert.

«Der Hirte weiss immer wo die Tiere sind und wenn er pfeift, dann kommen alle.» Dieser Gehorsam der Tiere ist es, der auch Samira Siegrist überrascht hat. «Der ruft von einer Seite des Feldes und dann kommen alle Schafe und die Hunde wissen gleich, was sie machen müssen», sagt die 13 Jährige. «Die folgen immer grad!»

Fremde Hunde nicht der Wolf

Jahrelanges Training sei das, betont Michael Cadenazzi. «Es ist wichtig, dass die Hunde früh lernen, was ich von ihnen will, wenn ich mit ihnen spreche», erklärt der Hirte.

«Ich geniesse die Zeit alleine unterwegs zu sein, meine Ruhe zu habe, mit den Tieren im Freien unterwegs zu sein.»
Michael Cadenazzi
 

«Müssen sie manchmal die Schafe auch vom Wolf beschützen?», fragt Ivan besorgt. «Bis jetzt musste ich das zum Glück noch nie», kann Cadenazzi beruhigen. «Viel gefährlicher sind Menschen, die ihre eigenen Hunde nicht unter Kontrolle haben und sie auf die Schafe los jagen. Das ist viel schlimmer für die Tiere.»

Der Tag auf der Weide war ein voller Erfolg
Der Tag auf der Weide war ein voller Erfolg

Im Bus zuhause

Auch wenn in der Region Wauwil aktuell keine Wölfe leben, Respekt haben die gut 20 Schülerinnen und Schüler vor dem Leben eines Wanderhirten trotzdem. Auch ohne bösem Wolf, das Leben auf Wanderschaft ist hart. «Aber auch schön», betont Michael Cadenazzi. «Ich geniesse die Zeit alleine unterwegs zu sein, meine Ruhe zu habe, mit den Tieren im Freien unterwegs zu sein.»

Einsam fühle er sich eigentlich nie. «Ich habe in der Zwischenzeit viele Freunde entlang meiner Strecke. Da laden mich immer mal wieder Bauern zu einem leckerem Abendessen ein.» Schlafen tut er aber nicht bei den Landwirten.

Wo Michael Cadenazzi seine Nächte verbringt, haben die Schüler dann auch noch entdeckt: in einem kleinen Minibus, den er neben seiner Herde geparkt hat. «Er schläft den ganzen Wintern dort. Auch wenn es richtig kalt ist», stellt Eliane Schmid beeindruckt fest. «Das könnte ich nicht. Ich glaube, im Winter wäre mir das zu kalt», sagt die 13 Jährige.

Die Kinder sind sich einig: so viel Einsatz und Engagement für die Schafe verdienen Respekt. Und die Wanderung macht hungrig. Gemeinsam mit Hirte Michael Cadenazzi und den Vertretern der Micarna gab es zum Abschluss des Erlebnistages einen leckeren Burger auf dem Feld.